Vor seiner Zeit als Electroboy

Florian Burkhardt (bekannt geworden durch den Dok-Film Electroboy) hatte gefühlt bereits 7 Leben. Er war Snowboardprofi, Redaktor, Model, Grafikdesigner, Internetpionier, Partyveranstalter und Komponist. Nun ist er Buchautor und hat in seinem Debüt Das Kind meiner Mutter niedergeschrieben, in welchem psychischen Gefängnis er als Kind und Teenager lebte, bis es ihm gelungen ist, sich selbst zu befreien.

Titelbild: Christoph Schaller

Interview von Angelika Imhof

Florian, dein Buch lässt einen sehr nahe an den Florian von früher ran. Fiel es dir nicht schwer, diese privaten Momente so öffentlich zu machen?

Für mich ist meine Vergangenheit nur noch wie eine Geschichte. Wenn du etwas Schlimmes erlebt hast, spaltest du dich davon ab und schaust es von aussen an, weil es sonst zu emotional würde. Somit konnte ich auch relativ nüchtern darüber schreiben.

Dein Buch heisst: Das Kind meiner Mutter. Wo bleibt der Vater?

Das Buch ist schon in erster Linie ein Buch zwischen meiner Mutter und mir. Denn mein Vater stand gewissermassen genauso in der Opferrolle wie ich – wir haben es beide irgendwann aufgegeben, uns gegen meine Mutter zu wehren. Was natürlich Slapstick ist, wenn ein unabhängiger Erwachsener sich gleich verhält wie ein Kind und seine Verantwortung nicht wahrnimmt.

Haben deine Eltern und dein Bruder das Buch schon gelesen?

Meine Mutter liest sporadisch Stellen darin, mein Bruder hat den ersten Teil gelesen. Mein Vater hat gesagt, er würde es nicht lesen – nun hat er es sich aber als einziger der Familie in einem Zug reingezogen.

Vor was hattest du beim Schreiben Angst?

Dass ich die Erlebnisse verkläre. Aber das ist zum Glück nicht passiert. Meine Eltern und mein Bruder haben bis jetzt keine Stelle gefunden, bei der sie sagen mussten: Nein, das stimmt jetzt nicht, das hat er erfunden.

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Warum steht auf dem Buchdeckel denn eigentlich Roman und nicht Autobiografie?

Weil es eben mehr ist als eine Biografie. Meine Geschichte ist nicht nur verdichtet, ich habe auch vieles ausgelassen. Auf der anderen Seite findet sich im Beschriebenen viel Symbolik.

Was für einen Mehrwert siehst du denn im Genre des Romans?

Ich denke, wenn man will, kann man gewisse Aspekte so viel vertiefter lesen. Das Schönste finde ich, wenn man persönlich etwas mit meiner Geschichte anfangen kann und Bezüge zu seinem eigenen Leben findet.

Was für Feedback hast du bisher aufs Buch erhalten?

Viel Positives, aber gewisse Leute sind enttäuscht, weil sie den Film Electroboy gesehen haben und nun mehr Action erwartet haben. Die gibts aber erst im zweiten Buch.

Ein bisschen Action gibts ja bereits im dritten und letzten Teil des Buches, als du das Snowboarden für dich entdeckst. Damit warst du einer der ersten in der Schweizer Szene. Fährst du heute noch?

Nein, ich bin, seit ich mich damals mit Anfang 20 entschlossen habe, nach Kalifornien zu reisen und Schauspieler zu werden, nie wieder Snowboard gefahren.

Warum nicht?

Das Snowboarden hat mir nur solange etwas gegeben, als ich die Freiheit nicht hatte. Es war Mittel zum Zweck. Als ich endlich selbst über mein Leben verfügen konnte, brauchte ich es nicht mehr.

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Bild: Privatarchiv

Und diese Leidenschaft fehlt dir gar nicht?

Nein, da ist kein Bedürfnis mehr. Dieser Tunnelblick ist typisch für mich: Wenn mich etwas fasziniert, mache ich alles dafür, aber ich mache nichts gleichzeitig. Eine Passion hat also quasi die nächste ersetzt.

Gibts denn keine Konstante in deinem Leben?

Das einzige was mir wirklich lange geblieben ist, ist das Rauchen und das damit verbundene Freiheitsgefühl. Das heimliche Rauchen ist ja auch ein elementares Motiv im Buch. Aber damit habe ich nun auch vor einigen Wochen aufgehört.

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Bild: Lorenzo Marcucci, 1997

Du scheinst einen Spürsinn für neue Trends zu haben. Zum Beispiel eben für das Snowboarden, später dann für das Internet oder die elektronische Musik. Wie kommts?

Ich habe einfach immer das gemacht, was mich fasziniert hat. Nicht das, wovon ich mir Erfolg versprach. Allerdings haben mich wohl meistens die Dinge fasziniert, die ganz neu waren, die man erst noch entdecken musste, die nur ganz wenigen Leuten bekannt waren. Dass diese Dinge dann zum Trend wurden, ist Zufall.

Wie war es, einer der Ersten zu sein?

Man wurde vor allem oft angefickt. Das ist so eine lustige Reaktion des Menschen: Etwas Neues ist immer erstmal scheisse. Am Anfang steht prinzipiell ein „Nein“. Als ich zum Beispiel in meinem Umfeld einer der ersten mit einem Handy war, galt dies noch als extrem peinlich. Man musste sich beinahe verstecken, wenn man mit dem Ding telefonierte. Man fühlte sich wie ein unfreiwilliger Snob – bis es plötzlich alle hatten.

Bist du denn momentan auch wieder dabei, etwas Neues zu entdecken?

Ist das heute überhaupt noch möglich? Wir sind doch bereits so überflutet. Etwas Neues im Ausmass des Internets wird es wohl kein zweites Mal geben.

Warum denkst du, ist dir im Leben so vieles gelungen?

Vielleicht weil ich mich nie hinterfragt habe: Kannst du das oder kannst du das nicht? Bin ich ein Journalist? Klar! Bin ich ein Schauspieler? Klar! Ich habe einfach gemacht ohne viel zu überlegen.

Von wo hattest du denn dieses Selbstvertrauen?

Möglicherweise weil ich von meiner Mutter in der Kindheit zum Genie hochstilisiert wurde. Wahrscheinlich auch, weil ich in der Jugend absolut keine Chance hatte, einen reality check zu machen. Ich hatte gar keine Möglichkeit, enttäuscht zu werden, weil es mir verwehrt blieb, überhaupt etwas auszuprobieren. Ich war ja meistens nur zu Hause und habe mir alles erträumt. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss nur warten, bis ich 21 Jahre alt bin und dann wird alles wahr, denn dann würde meine Mutter keine Kontrolle mehr über mich haben.

Naivität als Vorteil also?

Ja, ich nehme an, das war ein Vorteil: Wenn du nicht selbstzweifelst.

Vielen Dank fürs Interview!

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Bild: Privatarchiv, 1985

 

 

 

 

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