Ein Wochenende lang schweigen: Was bringt’s?

Meditation- und Schweige-Retreats sind beliebt. Viele versprechen sich davon mehr Ruhe, Ausgeglichenheit oder Klarheit, einige sogar eine Art «Reset» für Körper, Geist und Seele. Doch wie ist es, ein Wochenende lang nicht zu sprechen? Nicht aufs Handy zu schauen? Nicht zu lesen oder Musik zu hören? Und was passiert dabei mit einem?

Von Olivia Grubenmann

Nach einer intensiven Zeit, in der ich mit drei Teilzeitjobs jonglierte, sehnte ich mich plötzlich stark nach einem Input-Vakuum. Einer Auszeit von dem nie abreissen wollenden Kommunikationsstrom auf Social Media, News-Portalen, an Events, auf der Arbeit oder im Studium sowie im analogen und digitalen Austausch mit Mitmenschen. Einer Auszeit von den Anforderungen und Ansprüchen, die die Umwelt und ich selbst an mich stellen. Einer Auszeit von all den Dingen, die 24/7 um meine Aufmerksamkeit buhlen. Ich sehnte mich nach Ruhe, Fokus und Klarheit. Danach innehalten zu können. Länger als bei den 10 Minuten Meditieren im Alltag oder beim kurzen Warten auf den Bus.

Da erinnerte ich mich an die schwärmende Erzählung einer Bekannten, die eine Woche lang an einem Schweige-Retreat teilgenommen hatte. Jetzt war genau der richtige Zeitpunkt, das auch einmal auszuprobieren. Schlimmstenfalls würde ich genauso überfordert, aber um eine Erfahrung reicher zurückkommen. Und im besten Fall ruhig, zufrieden und mit Klarheit im Kopf.

Das passende Angebot finden

Schon bei einer einfachen Onlinerecherche stellte ich fest: Schweige-Retreats gibt es alleine in der Schweiz Dutzende. Wie sollte ich da nur das passende Angebot finden? Die Seite Mindful Mind hat schliesslich Abhilfe geschafft. Nebst Erfahrungsberichten gibt es da eine nützliche Übersicht mit Meditations-, Achtsamkeits-, Schweige- und Yoga-Retreats, inklusive Beschreibung. Egal ob du nur einen Tag oder zwei Wochen Zeit hast und egal, ob du noch nie etwas mit Meditation am Hut hattest oder schon kurz vor der Erleuchtung stehst: Es ist für jedes Bedürfnis etwas Passendes dabei.

Stiftung Felsentor

Ich habe mich schlussendlich für einen Wochenendkurs im Kurszentrum Felsentor auf der Rigi entschieden und mich für den Kurs «Einführung in die Zen-Meditation» mit Katharina Shepherd angemeldet. Einerseits aufgrund des passenden Datums und der einsteiger:innenfreundlichen Länge (verlängertes Wochenende) und andererseits, weil mich der Inhalt ansprach: täglich 12-14 mal 15 Minuten Stilles Sitzen (Zazen), Gehen (Kinhin), Einführungsvorträge und die Gelegenheit zum Einzelgespräch mit der Lehrerin. Und alles, bis auf Letzteres natürlich, im Schweigen. In diesem Bericht

Pro

  • Aussicht: die ist einfach unschlagbar! Hoch oben auf der Rigi mit Blick auf den Vierwaldstädtersee kommt man in Nullkommanichts im Moment an.
  • Umgebung: Ein tosender Wasserfall, nur wenige Schritte vom Haus entfernt, eine Tierauffangstelle, autofreie Wege und ein märchenhafter Wald wie aus «The Hobbit» oder «Harry Potter» (ohne die Monsterspinnen und sonstigen gefährlichen Tierchen versteht sich): Bei der Traumkulisse fällt es ganz leicht, den Alltag zu vergessen.
  • Meditationsgebäude: Wenn etwas die Aussicht und Umgebung noch toppen kann, dann das hölzerne japanische Zendo (Meditationsgebäude). Allein beim Betreten des Gebäudes beruhigt sich der Puls und man taucht in eine Ort- und Zeitlosigkeit.
  • Kursangebot, Inhalt und Leitung: Das Angebot am Felsentor ist extrem vielseitig. Egal ob du ein pures Schweige-Retreat suchst oder Zen-Meditation mit Tuschmalerei, Kreativem Schreiben, Wandern, Yoga oder gar Kochen verbinden willst: Im Felsentor gibt es alle möglichen Kurse, von klassisch bis ausgefallen. Angeboten und geleitet werden die Kurse im Felsentor von unterschiedlichen Lehrer:innen aus der ganzen Welt. Ich war mit meiner Kursleiterin sehr zufrieden. Sie war einfühlsam, geduldig, kompetent und inspirierend.
  • Kursteilnehmer:innen: Meditations-Retreats sind nur was für Menschen mit selbstgestrickten Socken und farbigen Tüchern um den Hals? Von wegen. Meine Kursgruppe war zu meiner Überraschung ein wild zusammengewürfelter Haufen, vom IT-Start-up-Gründer über das Hipster-Pärchen, ältere Alleinreisende, erfahrenere Zen-Schüler:innen, bis hin zu einer Gruppe von vier 30-jährigen, stylish gekleideter junger Männer.
  • Essen: Selbstgemacht, frisch, abwechslungsreich, üppig, vegan und extrem lecker: Am Frühstück, Mittag und Abend kann man sich am Buffet bedienen. Vom cremigen Bohnenhummus mit Ofengemüse über die herzhafte Suppe am Abend und den veganen Sonntagszopf: Ich würde alleine schon für das Essen wiederkommen! Fast alle Lebensmittel werden selbst angebaut oder vom nahe gelegenen Hof bezogen. Frischer und lokaler geht’s kaum. Am Kaffee, Wasser und an den verschiedenen Tees (auch solche aus dem eigenen Kräutergarten), kann man sich den ganzen Tag über bedienen.
  • Samu / Karma Yoga: Neben den Sitz- und Gehmeditationseinheiten, den Pausen und gemeinsamen Mahlzeiten im Schweigen gibt es bei allen Aufenthalten im Felsentor eine Stunde Arbeitsmeditation pro Tag (Samu/Karma Yoga). Auch für diese Zeit bleibt man im Schweigen. Ich muss sagen, dass ich Salat waschen und rüsten noch nie zuvor so zelebriert und genossen habe. 😉 Statt in der Küche kann man auch bei den Tieren, im Garten oder beim Putzen helfen. Was nach nervigen Ämtli klingt, stellt sich tatsächlich als meditative und bereichernde Erfahrung heraus.
Unter diesem natürlichen Felsentor hindurch spaziert man zum Kurszentrum

Contra

  • Volunteers: Viele der Aufgaben werden von Freiwilligen erledigt, die für Kost und Logis täglich einige Stunden arbeiten. Obwohl die meisten von ihnen extrem lieb und hilfsbereit waren, gab es auch ein, zwei, die nicht so motiviert und freundlich waren. Aber naja, wir alle haben mal einen schlechten Tag. Und da immer wieder andere Leute vor Ort sind, wird jeder und jede eine andere Personenkonstellation erleben.
  • Meditation «Light»: Das «noble Schweigen» wurde während dem ganzen Retreat eingehalten, nur zu Beginn bei einer kurzen Vorstellungsrunde und kurz vor der Heimreise wurde wieder gesprochen. Einige der Teilnehmer:innen, die bereits andere Retreats besucht hatten, waren jedoch der Meinung, dass es im Felsentor (oder zumindest in diesem kurzen Einführungs-Wochenendkurs) im Vergleich zu anderen Orten eher «Legère» zu und her ging. Dass alles nicht ganz so strikt ist, habe ich ebenfalls so wahrgenommen, jedoch empfand ich das nicht als ausschliesslich negativ. Gerade für mich als absoluter Zen-Neuling war die Mischung zwischen Ernsthaftigkeit und Ungezwungenheit perfekt. Wer jedoch noch tiefer eintauchen will oder für wen die Zen-Meditation nicht völlig neu ist, der oder dem könnte es in diesem Kurs etwas zu locker zu und hergehen.

Fazit

Um gleich auf den Punkt zu kommen: Ich werde nicht das letzte Mal im Felsentor gewesen sein. Das Wochenende mit dem Einführungskurs in die Zen-Meditation war nicht nur lehrreich und inspirierend, sondern hat vor allem Lust auf mehr gemacht. Ich habe während und nach den drei Tagen nicht nur meinen Körper und mein Innenleben so klar gespürt wie schon lange nicht mehr, sondern habe auch erahnen können, dass das nur ein winziger Einblick gewesen war und es noch unendlich viel zu entdecken, erfahren und lernen gibt, sowohl in mir drin als auch um mich herum. Zum Schluss noch zwei Tipps:

  • Tipp 1: Wer ein Zimmer mit Aussicht auf den See wünscht, kann dies bei der Buchung angeben und wenn möglich, wird der Wunsch berücksichtigt.
  • Tipp 2: Es gibt keine schlechte Jahreszeit für einen Besuch, da die Natur um das Felsentor einfach atemberaubend ist. In den wärmeren Monaten kann man jedoch öfter in den Pausen draussen verweilen.

Kann ich das Felsentor empfehlen?

Ja, all denjenigen, denen Natur, Ruhe, Professionalität, Herzlichkeit, gutes Essen und eine wohlwollende Atmosphäre wichtig sind. Und all denen, die einfach mal etwas Neues ausprobieren wollen.

Wasserfall nur wenige Schritte vom Felsentor entfernt

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