So hat eine Berner Studentin den Iran erlebt

Unsere Medien zeichnen meist ein recht einseitiges, abstraktes Bild des Irans und thematisieren dabei hauptsächlich das repressive Regime. Sozialanthropologie- und Middle Eastern Studies Studentin Felizitas wollte näher ran, mehr vom Leben und den Menschen dieses Landes erfahren und ist diesen Sommer zusammen mit einem Freund für drei Wochen in den Iran gereist.

Interview: von Angelika

Der Iran ist ja eine islamische Republik. Wie hast du die Religion im Land wahrgenommen?

Felizitas: Wir haben extrem wenig religiöse Iraner getroffen. Ich habe gerade letztens gelesen, dass nur noch 1.4 Prozent der Bevölkerung ans Freitagsgebet gehen. Das ist eine extrem niedrige Zahl im Vergleich zu anderen muslimischen Ländern.

Wie ernst wird das Alkoholverbot gehandhabt?

Also es gibt wirklich nirgends Alkohol zu kaufen. Aber fast alle die wir kennengelernt haben, brauen sich selber irgendetwas. Nur: Wer beim Trinken erwischt wird, bekommt echt grosse Probleme.

Wie hast du das Verhältnis von Mann und Frau erlebt?

Das hat mich überrascht: Ich dachte, auf den Strassen werden wir fast nur Männer sehen. Aber stattdessen gibt es auch sehr viele Frauen, die im öffentlichen Raum arbeiten, zum Beispiel als Taxifahrerinnen oder Kassiererinnen. Interessant ist auch, dass beide Geschlechter eine sehr gute Bildung geniessen – an den Unis gibts mittlerweile sogar mehr Frauen als Männer.

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Was hat dich im Iran besonders begeistert?

Die Gastfreundschaft! Sie sind wirklich mega offen und laden dich überallhin ein. Zum Beispiel sind wir einmal in einem Park spontan mit einer Familie ins Gespräch gekommen. Schliesslich haben sie uns ins Restaurant mitgenommen und wir haben die nächsten zwei Nächte bei ihnen übernachtet. Generell haben wir fast immer bei Einheimischen gewohnt. Ist aber auch nicht immer einfach.

Warum?

Wenn du bei Iranern zu Gast bist, entscheiden sie praktisch alles für dich. Zum Beispiel wurden wir einmal von Freunden elf Stunden von Teheran aus mit dem Auto in den Norden kutschiert, obwohl wir eigentlich nur ein bisschen wandern gehen wollten eine Stunde nördlich von Teheran.

Dafür hast du so sicher viel vom Land gesehen?

Ja und das war sehr faszinierend, weil die Landschaft extrem vielfältig ist. Als wir losgefahren sind, hats ausgesehen wie in einem Schweizer Bergdorf. Dann kommst du an Schluchten, Gebirgen, Hochebenen, Staudämmen und urbanen Gebieten vorbei und plötzlich zack: die Wüste. Und das dann für die nächsten fünf Stunden.

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Wie viel seid ihr denn insgesamt so gefahren?

4200 Kilometer in drei Wochen. Der Iran ist ja auch einfach ein riesiges Land – circa viermal so gross wie Deutschland.

Und mit was für Fahrzeugen wart ihr unterwegs?

Immer mit Bussen oder den Autos von unseren iranischen Bekannten. Ursprünglich wollten wir mit dem Zug reisen, aber das hat nie funktioniert, weil die immer ausfielen.

Selber fahren war kein Thema?

Es ist das Land mit der höchsten Verkehrsunfallrate der Welt – von dem her: Nein danke. Das war eigentlich das einzig gefährliche auf meiner Reise im Iran: der Verkehr.

Was hat dich im Iran genervt?

Also wenn man bei jemandem zu Gast ist, dann ist man praktisch keine Sekunde alleine. Da die Iraner ja kaum ein Visum für Auslandreisen bekommen, schätzen sie den Kontakt mit Touristen in ihrem Land umso mehr. Das ist natürlich sehr schön – aber eben auch manchmal extrem anstrengend.

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Was war im Gespräch mit den Iranern ein häufiges Thema?

Also die erste Frage war immer „What do you think about Iran?“ Es ist ihnen sehr wichtig zu wissen, was wir Ausländer über ihr Land denken – damit sie gegebenenfalls mit Vorurteilen aufräumen können.

Inwiefern?

Zum Beispiel haben sie oft gesagt: „We do exactly what you do“ – sprich, sie führen Liebesbeziehungen, hören Radiohead, schauen amerikanische Filme und feiern crazy Partys. Nur eben alles im Versteckten.

Klingt so, als gelänge es den Iranern recht gut, das System auszutricksen…

Ja, jene die wir kennengelernt haben, haben irgendwie ihren Weg gefunden. Aber das waren halt vor allem Iraner aus der Oberschicht. Daneben leben in diesem Land aber auch viele, denen es längst nicht so gut geht: Unterdrückte Frauen oder all die Afghanen und Kurden die ihre Kultur nicht so leben können, wie sie möchten.

Hast du das als Touristin direkt mitbekommen?

Ich habe von einem erfahren, dass sein Onkel vor kurzem erhängt wurde, nur weil er kritische politische Texte verfasst hat. Das hat mich schon sehr geschockt und mir klar gezeigt, dass die iranische Welt nicht ganz so heil ist, wie sie scheint.

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Wem würdest du den Iran als Reiseland empfehlen?

Das Land ist halt mega divers: Du kannst dorthin zum Klettern, zum Velofahren oder um einen Wüstentrip zu machen. Man muss sicher am Kontakt mit den Locals interessiert sein. Man sollte auf jeden Fall Englisch oder Farsi sprechen können. Ausserdem wärs gut, wenn man das persische Alphabet kennt, weil alles nur in dieser Schrift angeschrieben ist.

Eher etwas für Individualtouristen oder Reisegruppen?

Seit seiner politischen Öffnung und den Lockerungen der Embargos ist der Iran auf jeden Fall für Individualtouristen geeignet. Aber es hat auch sehr viele Reisegruppen. So Rudel aus 50-60 jährigen Europäern, die mit einem Fähnli rumlaufen. Viele sind aus Frankreich, Deutschland, Österreich oder auch der Schweiz.

Eher low-budget oder teuer?

Für uns wars mega low-budget! Aber in diesen Reisegruppen geben die Leute manchmal für zwei Wochen 6000 Franken aus. Frag mich nicht wie die das machen.

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