Über Effizienz und Entscheidungen

Effizient sollen wir sein, am Besten immer und überall: in der Uni, bei der Arbeit, im Alltag, unterwegs, beim Essen und oft sogar bei Freizeitaktivitäten. Woher kommt nur unsere Angst auf der Strecke zu bleiben?

Von Olivia Grubenmann

Schon morgens fängt er an: der Kampf um jede wertvolle Minute. Ich stelle die Kaffeetasse unter die Maschine und drücke den Knopf. Währenddessen präpariere ich mein Frühstück, so wenige Handgriffe wie möglich. Oh, der Kaffee ist schon bereit! Ich schnappe ihn mir und während ich langsam erwache, checke ich WhatsApp, das Wetter und die aktuellen Nachrichten.

Im nahtlosen Übergang geht’s ans Zähneputzen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, um gleichzeitig meine Balance zu trainieren. Gleichzeitig bringe ich mich mit Musik in Stimmung und versuche zu einem halbwegs alltagstauglichen Menschen zu werden. Noch fünf Minuten. Ich binde mir die Haare zusammen, trage Makeup auf und schaue zwischendurch aufs Handy, sodass ich ja nichts Wichtiges verpasse. Wenn das Multitasking dann nicht klappt – ist vielleicht doch noch zu früh am Morgen – uns die Kaffeetasse runterfällt, die Strumpfhosen reissen, oder wir die Hälfte zu Hause vergessen, ärgern wir uns natürlich. Vielleicht hätten wir uns doch besser ein paar Minuten mehr Zeit geben sollen, um uns auf unsere Handlungen konzentrieren zu können.

Alltagsroutinen

Das sind die kleinen Alltagsroutinen, die ich versuche so effizient wie möglich zu kombinieren, sodass sie zu einem dichten Netz aus Handgriffen und Handlungsabfolgen zusammenwachsen. Ich versuche, aus jeder Minute so viel wie möglich herauszuquetschen. Wenn es dann nicht klappt, macht sich ein mieses Gefühl von Versagen und Frust breit. Alle anderen würden das jetzt mit links noch nebenbei erledigen!

Dieser Drang effizient zu sein und immer das Optimum herauszuholen, erstreckt sich auch auf andere Bereiche. Ob das gut ist? Sich immerzu selbst überholen zu wollen? Sich niemals „sinnlose“ Zeit zu gönnen? Oder, falls wir es tun, uns dann bald schlecht zu fühlen? Und warum muss immer alles effizient sein und zu irgendwas gut? Wir haben heutzutage den Luxus auch mal etwas einfach für uns zu tun, weil wir es gern tun, weil es Spass macht. Warum nutzen wir diese Chance nicht?

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Bequem, Faul, oder Effizienzgetrieben?

Studenten sind da wohl Vorzeigeexemplare. Dutzende Male rechnen sie ihre ETCS Punkte zusammen und überlegen sich, welche Fächer ihnen am einfachsten zu der gewünschten Punktzahl verhelfen. Anstatt sich für ein Modul zu entscheiden, welches sie besonders interessiert, wählen sie oft ein weniger passendes, wenn das heisst, dass sie anstatt an vier Tagen nur an drei Tagen zur Uni fahren müssen. So oft entscheiden wie uns nicht dafür was wir wirklich wollen, sondern für das was schlicht und einfach praktischer in den Alltag passt. Dies gilt auch für Zukunftspläne oder berufliche Entscheidungen.

Der beste Weg?

Ich bereue oft, dass ich in meinen langen Semesterferien nicht gearbeitet habe, oder dass ich in meiner Schulzeit nicht alles aus dem Zehnfingersystem-Kurs herausgeholt habe. Kürzlich meinte jemand zu mir, dass sie es bereut, ihr Zwischenjahr nicht optimal ausgenutzt zu haben, ihre Zeit und Energie nicht absolut effizient eingesetzt zu haben. Jemand anderes klagte kürzlich darüber, nie etwas zustande zu bringen, weil zu viele Optionen um Aufmerksamkeit buhlen und es unmöglich ist, die perfekte Entscheidung zu treffen.

Doch: Wer weiss schon, im Moment der Entscheidung, welcher Weg der geschickteste wäre? Und wer weiss schon, welche guten Erfahrungen und Gelegenheiten sich nicht ergeben hätten, hätte man den anderen Weg gewählt? Im Rückblick ist es immer einfach, Fehler und Lücken festzustellen. Das ist wie beim Sportschauen: Vor dem Bildschirm raufen wir uns die Haare, weil die beste Lösung, der beste Zug so offensichtlich scheint. Doch ist man wirklich mittendrin, sieht halt alles ein wenig komplexer und unübersichtlicher aus.

Also, nicht zu lange über vergangene Entscheidungen nachdenken. Auch wenn es vielleicht einen effizienteren Weg gegeben hätte zum Ziel zu kommen, wer weiss welche Chancen und Begegnungen wir verpasst hätten, hätten wir diesen anderen (kürzeren?) Weg eingeschlagen!

Manchmal lohnt es sich, den Umweg zu nehmen.

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