Studiert nicht!

 

Ein Pamphlet über den Nichtsnutzen eines geisteswissenschaftlichen Studiums an der Universität

Von Angelika Imhof

An einer Universität studieren: Das ist für viele Maturaabgänger/innen laut dem Bundesamt für Statistik noch immer die erste Wahl und der logische nächste Schritt. Ganze 77% haben sich innert 42 Monaten nach Erhalt eines gymnasialen Maturitätszeugnisses im Jahr 2012 für ein Studium an einer Universität entschieden (neuste Daten).

Sie denken dabei wohl an imposante Tempel der Wissenschaft, wie das Hauptgebäude der ETH Zürich (1864) oder jenes der Universität Bern (1903), sie stellen sich engagierte Diskussionen und fesselnde Vorlesungen vor und sie liebäugeln mit der beinahe unverschämten Freiheit, die ihnen mit einem Studium an der Universität geschenkt wird und welche ihnen als Knechte der gymnasialen Schulbank wie die Erlösung aus einer langjährigen Sklaverei erscheint.

Ich will ihnen raten, diesen jungen, naiven Sprösslingen, die sich mit Vorfreude und einem gewissen Hauch an «Mehrbessertum» für die Uni einschreiben: Tut es nicht! Tut es einfach nicht. Wenn ihr euch nicht drei bis sieben Jahre eures Lebens mit existenziellen Krisen herumschlagen wollt. Um eins klarzustellen: Ich beziehe mich mit meinen Aussagen primär auf ein Studium der Geisteswissenschaften.

Wenn Gegenwart sich mit Vergangenheit rechtfertigt

Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass ein geisteswissenschaftliches Studium an einer Universität eine durch und durch veraltete Erscheinung ist. Ein Relikt der Vergangenheit. Eine Universität ist eine Institution, die im Zeitalter von Alexander von Humboldt (1769-1859) funktioniert haben mag. Als es tatsächlich der Realität entsprach, dass es sich dabei um erkenntnisgeschwängerte Hochburgen des Wissens handelte. Eine solche Möglichkeit zum intellektuellen Austausch war in der Gesellschaft sonst nirgendwo vorhanden. Und genau diese bedeutungstragende Vergangenheit wird den Universitäten von heute zum Verhängnis: Sie nähren sich von einem Macht- und Prestigegedanken aus längst vergangenen Tagen. Der einstige Glanz der Universitäten wird heute nur noch reflektiert, es ist ein Spiel mit dem Schatten, ein Tanz mit der Illusion, eine Farce.

Ich weiss wovon ich spreche. Ich habe fünf Jahre studiert. Das heisst, ich habe im Prinzip fünf Jahre Feldforschung betrieben. Natürlich bin ich mir bewusst, dass es sich dabei um persönliche Erfahrungen handelt. Aber man unterhält sich auch. All diese Meinungen und Beobachtungen, die ich während fünf Jahren immer wieder erfahren habe, fliessen in diesen Text mit ein.

Es ist nicht etwa so, dass ich eine gefallene Studentin bin, die entweder ihr Studium abgebrochen hat oder nur mit Ach und Krach durch die Prüfungen kam. Das Prüfungslernen und auch das Arbeitenschreiben fielen mir nie besonders schwer – unter «an die Grenzen gehen» verstehe ich auf jeden Fall etwas anderes – etwas, dem ich kurz vor der Matura zehnmal näherstand als je in meinem Studium.

Was einen beruflich weiterbringt im Leben – und was nicht

Ein Studium der Geisteswissenschaften ist ein Leben in der Blase. Es ist das sichere Gehäuse, das dich beherbergt, bis du weisst, was du willst. Das wahre Leben, das wahre Lernen – das spielt sich ausserhalb der Uni ab. Einige haben Glück und finden ihre Passion neben dem Studium. So zum Beispiel Gerda (31): Mit 16 Jahren hat sie mit Yoga angefangen. Von da an hat sie ihre Begeisterung nie wieder verlassen, sodass sie neben ihrem Sozialanthropologie-Studium eine studiumsbegleitende Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert hat und heute hauptberuflich und selbständig erwerbend als Yogalehrerin arbeitet. Nebenbei bildet sie sich weiter zum Outdoor-Guide, zur Thai-Masseurin und organisiert wöchentlich ein öffentliches Winterschwimmen im Vierwaldstättersee. All das hat reichlich wenig mit ihrem Bachelorabschluss zu tun.

Ähnlich siehts bei Timothée (27) aus. Der Romand interessiert sich bereits seit jungen Jahren für alles was mit gutem Essen zu tun hat. Mit 22 Jahren ist er Slow Food Youth beigetreten und hat sich mit Leidenschaft in diesem Verein engagiert, bis er schliesslich zum Co-Präsidenten gewählt wurde. Nebenbei hat er Geschichte studiert. Was er heute tut? Tim arbeitet bei dem Insektenfood Start-up Essento im Vertrieb und Marketing. Hat er diese Stelle primär aufgrund seines Studiums an der philosophischen Fakultät bekommen? Wohl eher nicht. Aufgrund seines Engagements bei Slow Food, und den Kontakten, die er dort geknüpft hat, sowie seiner Zweisprachigkeit? Eher schon.

Diese beiden Lebensläufe zeigen exemplarisch, was für viele gilt: Nicht das Studium qualifiziert uns für das, was wir später tun. Sondern das, was wir neben dem Studium tun. Insbesondere junge Unternehmen wie Start-ups kommunizieren das mittlerweile schon ganz offen: Sie geben einen Fuck auf Zeugnisnoten, Studienprogramme, ECTS-Points. Was zählt sind unsere Passionen, unsere Persönlichkeit und unser Drive.

Aber selbst wenn du neben deinem Studium nicht deine grosse Passion gefunden hast, hilft dir dein brotbringender Nebenerwerb nach dem Studium ziemlich sicher mehr als dein Mindbubble-Studium. So gings zum Beispiel Mariella (27). Sie hat während ihres Musikwissenschaftstudiums unzählige Promotionjobs gemacht. Irgendwann wurde sie von der Promotorin zur Teamleiterin. Nach dem Studium hat sie auf Anfrage einen Praktikumsplatz im Projektmanagement ihrer Promotionagentur bekommen. Nicht weil sie eine Masterarbeit über das Revival der Folkmusik im Tessin geschrieben hat. Sondern aufgrund ihrer dreifachen Sprachkompetenz (Italienisch, Französisch und Deutsch) und ihrer Bewährung als Teamleiterin. Vier Monate später bekam Mariella eine Festanstellung.

Die Sprache des Schweigens

Wofür also studieren, wenn man beruflich sowieso nicht davon profitieren kann? Weil es ach-so-viel-Spass macht? Weil man endlich «beruflich» Bücher verschlingen kann und seine möchtegern repräsentativen Untersuchungen als wissenschaftliche Arbeiten gewürdigt werden? Error. Das exzessive Bücherlesen macht nämlich sehr schnell keinen Spass mehr, sobald es ein Müssen ist und sobald sich dieses Müssen auf eins bis drei Bücher pro Woche hochschaukelt. Ich kenne keine/n einzige/n Studierende/n, der oder die immer den ganzen Lesestoff bewältigt hat. Tatsächlich gibt man sich bald nur noch Zusammenfassungen. Und irgendwann gar nichts mehr. Da sitzt man dann im Seminarraum, hört angestrengt einem der katastrophalen Vorträge seiner Kommilitonen zu, bis man nach fünf Minuten mental abdriftet und wälzt sich danach in der Totenstille, die sich «Diskussion» nennt.

Die Muttersprache der Studierenden ist nicht jene der Wissenschaft, sondern jene des Schweigens. Erst wenn die Glocke klingelt und die penetrante Stille oder der verzweifelte Monolog des Professors durchbrochen werden, erwachen die Stimmen wieder zum Leben und hektisch hechten die Studierenden zum Kaffee, zur Zigarette oder auf die Toilette, um sich von der 90-minütigen Tortur zu erholen.

Schreiben, was eine/r schon geschrieben hat

Auch das wissenschaftliche Arbeiten hat leider rein gar nichts mit den Freuden des Schreibens zu tun, die man etwa während des Aufsatzschreibens am Gymnasium erlebt hat. Es ist ein ewiges Zitieren von Zweitmeinungen, ein Wiederkäuen des Absurden, ein Verlieren im Belanglosen, das plötzlich so verdammt wichtig genommen wird. Die Studierenden nehmen ihre Arbeiten ernst, weil sie viel Zeit und vor allem viele Nerven hineingesteckt haben, wobei die meiste Energie nicht ins eigentliche Arbeitsschreiben geflossen ist, sondern in den Prozess, dieses Arbeitsschreiben hinauszuschieben. Prokrastination halleluja. Dabei vergessen sie, dass diese Arbeiten im besten Fall höchstens von einer einzigen Person, nämlich dem/der Dozent/in, gelesen werden. Diese/r verliert aufgrund der miserablen Qualität sofort die Lust am Lesen und gibt den meisten Studierenden nur deshalb eine genügende Note, damit er/sie nicht noch ein zweites solches Tragödienpapier lesen muss. Die Definition von Relevanz lautet also: Das Gegenteil einer Seminararbeit.

Mythos der grenzlosen Freiheit

Nun könnte der ein oder andere bequem veranlagte Opportunist ja immer noch sagen: Fuck the system; auch wenn am Schluss nicht viel dabei rausschaut und ich kaum was Sinnvolles lerne, so kann ich doch immerhin von der Freiheit profitieren, die mir durch das Studium in den Schoss gelegt wird und einfach bitzli mein Leben geniessen. You wish. Denn so schön man sich diese Freiheit auch vorstellt, ich kenne kaum jemanden, der wirklich gut damit klar kommt. Studierende der philosophischen Fakultät müssen selten vor 10 Uhr an der Uni sein. Zudem nehmen die Kurse im Laufe der Ausbildung stetig ab, sodass es gut möglich ist, dass man im Master nur noch drei Kurse pro Woche belegt. Vollzeitstudium halt.

Natürlich arbeiten die meisten Studierenden dennoch nebenbei. Aber selten so derbe, dass ihnen dabei nicht noch viel Zeit zur freien Verfügung bliebe. Und genau dort entsteht das Dilemma. Die Zeit möchte nützlich und produktiv verwaltet werden. Doch in den allermeisten Fällen landet ein Grosssteil davon auf Netflix, Instagram, 9gag und Co. Ferner käffelet fast niemand so gern wie die Studierenden und vom Bier fangen wir gar nicht erst an. Die grösste Versuchung ist aber jeweils das Bett. Wenn am Morgen keine nicht-auch-später-erledigbare Pflicht ruft, dann ist es verdammt schwer, zeitig aufzustehen. Natürlich gibt es immer die, die morgens um 7 Uhr schon joggen gehen. Aber von denen reden wir nicht. Wir reden von der grossen Mehrheit. Das alles wäre ja schön und gut, wenn da nicht die ständige Selbstreflexion- und kritik wären. Denn wenn einen die Uni etwas lehrt, dann ist es, alles kritisch zu hinterfragen. Und diese Kompetenz wird vor allem gegen sich selbst verwendet – was ziemlich selbstzerstörerisch sein kann. Wenn man sich Tag für Tag neue Ziele steckt und diese Tag für Tag nicht erreicht, dann steigert das den Selbstwert ins Negative. 

73% der Absolvent/innen unterbezahlt

Und so verlässt der nicht-mehr-ganz-so-junge Mensch die Uni als ein desillusionierter, zynischer Mensch. Spätestens mit Erreichen des Masterabschlusses kommt in der Regel die Erkenntnis, dass all das Pseudo-Wissen nicht wirklich viel taugt und man am Schluss doch nur als Praktikant bei irgendeinem Unternehmen anfängt. Tatsächlich üben ein Jahr nach dem Studienabschluss weniger als 73% der Absolvent/innen der Fachbereiche Geistes- und Sozialwissenschaften, Interdisziplinäre und andere, Exakte und Naturwissenschaften sowie Recht eine qualifizierte Erwerbstätigkeit aus.

Absolvent/innen der Geistes- und Sozialwissenschaften belegen mit 6.5% zudem den höchsten Rang, wenn es um die Erwerbslosenquote nach einem Jahr des Hochschulabschlusses geht.

Die richtig schlauen Menschen sind spätestens nach dem Bachelorabschluss vom fahrenden Zug gesprungen oder gar nicht erst eingestiegen. Nur die Faulen, die Illusionisten, die Nihilisten, die Mitläufer, die Feigen – die sind geblieben.

Wenn ihr nicht auch dazugehören wollt, dann: Studiert nicht.

Bilder: Unsplash mit CC0 Lizenz

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