Wie ich es geschafft habe, Zürich zu lieben

Als gebürtige Luzernerin habe ich die skeptische Haltung gegenüber Zürich schon früh mitbekommen. Und auch meine siebenjährige On-Off-Beziehung mit Bern hat nicht geholfen, die Vorurteile gegen Zürich abzubauen – im Gegenteil. Dies ist ein Text darüber, wie und warum es mir dennoch gelungen ist, die negativen Voreinstellungen wider jedem Kantönligeist abzulegen.

Von Angelika Imhof

2016 hatte ich sie noch alle: Die Vorurteile gegenüber Zürich und seinen Bewohner*innen. Zürich, das war für mich: Bahnhofsstrasse, Banken, Zürischnurre. Das war: an Oberflächlichkeiten polierte Arroganz, zwinglianischer Arbeitseifer und absurd teure Cüplis oder Mietkosten.

Also bin ich für sechs Monate hingezogen, um meine Vorurteile mit der Realität abzugleichen, in der Hoffnung, sie abzubauen. Der Versuch ist gescheitert. Ich habe noch nie so angestrengten Lift-Small-Talk betrieben, habe gespürt, dass die falsche Jeansform (skinny!) ein sozialer Gatekeeper sein kann und dass man hier für einen mittelmässigen Clubeintritt ohne mit der Wimper zu zucken 35 Franken zahlt. 

Nach einem halben Jahr Zürich war ich happy über eine neue Freundin aus dem Thurgau und darüber, wieder nach Bern zurückkehren zu können.

Aber ich wollte noch nicht aufgeben, glaubte weiterhin an das Gute in Zürich, suchte und fand den Fehler bei mir. Also nahm ich 2019 einen neuen Anlauf, zog wieder in die Stadt, nun für ein knappes Jahr. Und diesmal hat es geklappt, die negative Konditionierung wurde ausgelöscht. Heute kann ich mit Überzeugung sagen: Ich habe Zürich liebgewonnen und kann mir vorstellen, auch noch ein drittes Mal hinzuziehen. Im Folgenden einige Gründe, die zum meinem Meinungsumschwung beigetragen haben. 

Mehr Gegensätze, mehr Diversität

Was ich an Zürich schätze, sind die Gegensätze dieser Stadt. In weniger als fünf Velominuten gelangst du vom Ministerium für weisse Hemden rund um den Paradeplatz in die Multikultigegend der Langstrasse (der ganze, geheime Stolz der Zürcher*innen). In Zürich finden irgendwie alle zusammen: Das Grossmütterli, das seit Jahrzehnten im Sprüngli ihr wöchentliches Canapé vernascht, die Kleinfamilie, die sich in Wipkingen friedlich eingerichtet hat, das Millenial-Paar, das in einer Altbauwohnung im Kreis 3 wohnt, den Sommer vor der Gelateria di Berna und den Winter in der Sport Bar verbringt. Arbeiterschicht, Mittelschicht, Oberschicht, Menschen aus allen Kulturen mit allen Sprachen – sie alle gleiten hier auf beschränktem Radius durch das Geflecht der Stadt. Meistens aneinander vorbei – aber hin und wieder, in Momenten der Offenheit und Toleranz, auch aufeinander zu. 

Kreis-Flohmi

In Zürich gibts in den Sommermonaten jeweils die grandiosen Kreis-Flohmis. Die Idee: Quartierbewohner*innen veranstalten auf ihrem Privatgelände einen Flohmarkt – sei das auf dem Vorplatz, im Innenhof oder im Hintergarten. Die Besucher*innen können sich mithilfe einer Onlinekarte von einem Flohmi-Stand zum nächsten Navigieren oder sie lassen sich einfach durchs Quartier treiben. Genial um exquisite Schnäppchen zu machen, um mit Leuten aus dem jeweiligen Kreis einen Schwatz zu halten, die verschiedenen Quartiere besser kennenzulernen oder auch um auf unkomplizierte Weise eigene Schmuckstücke zu verhökern und dabei den ganzen Tag im eigenen Liegestuhl zu verbringen.

Quartierflohmis gibts auch in Basel und Brugg. In Bern munkelt man, dass es sie ab nächstem Sommer geben soll …

Frühstück unter der Woche

Auch toll ist, dass man an jedem beliebigen Wochentag an zahlreichen Orten ein richtig gutes Frühstück bekommt. Und ich spreche hier nicht von Bäckereien. In Bern fällt mir ausser dem Wartsaal und dem Einstein kaum ein angenehmes Frückstückscafé ein.

In Zürich hingegen … where to begin. Um nur ein paar wenige zu nennen:

  • Café des Amis – Brunchteller, Rührei und Crèpres …
  • Kafi Schnaps – Kafi complet,Kafi Supplement, Kafi riche …
  • Bank – French Toast, Porridge, Pain au chocolat …

… all week long …

Öffentliche Villenpärke

Während des Frühlings-Lockdowns habe ich es leidenschaftlich betrieben: Die Zeit lesend in Pärken verbracht. Aber nicht etwa in Pärken, die aus nicht viel mehr als einer langweiligen Grünfläche bestehen, sondern in den verwunschen, romantischen Villenpärken, von denen es in Zürich gleich einige gibt und die zum Glück der Öffentlichkeit zugänglich sind. Meine Highlights: Villa Tobler, Villa Wesendonck, Villa Rieter, Villa Schönberg, Villa Patumbah, Villa Bleuler.

Und ja, Bern hat den Kocherpark und die Elfenau, Luzern hat den Konsipark. Auch schön.

Gute Online-Magazine und Blogs

  • Auf tsüri.ch schreiben junge Menschen für junge Menschen – und das oft interessant.
  • Auf harrysding.ch testen Harry und Carrie gefühlt jedes Restaurant oder Café in Zürich.
  • Auf hellozurich.ch widmet man sich Lieblingsorten und den Menschen dahinter.

Café-Bar-Szene

Stimmt, es gibt auch in Bern und Luzern nette Bars und Cafés, keine Frage. Man denke nur ans Apfelgold (Bern) oder ans Alpineum (Luzern). Aber die Vielfalt ist in Zürich deutlich grösser und der Mut zum Charakteristischen ausgeprägter – sei das in Form eines auf Gemütlichkeit getrimmten Cafés mit Plüsch und Brimborium oder eine rotzige Bar, in der dir fraglos bei jedem Bier Erdnüssli aus einem riesigen Einmachglas nachgefüllt werden.

Hier einige meiner Lieblinge, nach Kreis sortiert:

  • Kreis 1: Lotti – superzentral und trotzdem nicht allzu bekannt, toll für Apèro.
  • Kreis 2: Kleine Freiheit – im Sommer geniesst man die Stadtgartenatmosphäre, im Winter macht man es sich in einer der Berggondeln gemütlich.
  • Kreis 3: Café Dihei – für alle die auf Grossmutter-Porzellan, Samtpolster, Blümchentapete und superleckeren Kuchen stehen.
  • Kreis 4: Total Bar – Geheimtipp. Hier trinkst du dein Feierabendbier und bezahlst bar.
  • Kreis 5: Auer & Co. – Kaffee mit Qualitätsgarantie und Platz um stundenlang die Tastatur zu bearbeiten.
  • Kreis 6: Kafi Freud – grossartiger Kaffee und fantastischer Kuchen.
  • Kreis 10: Nordbrücke – das Brüggli geht immer – morgens, mittags, abends. Kann gerne mal laut und lässig werden.

Ausgang

Nirgendwo in der Schweiz tanzt es sich so leicht. Nirgendwo sonst ist die Musik derart bereit. Nirgendwo entstehen einfacher Nächte zum Nicht vergessen. 

Blick vom Käferberg auf die Stadt

Ja, der Blick vom Gütsch runter auf die Stadt Luzern ist einmalig. Altstadt, Reuss, Kapellbrücke, Seebecken und dahinter die Rigi, ein Wahnsinnsblick. Und auch der Blick vom Gurten oder vom Rosengarten auf die Stadt Bern ist nicht schlecht. Aber der Blick vom Käferberg auf den urbanen Flickenteppich Zürichs – der haut mich jedes Mal um.

Es gibt da diese eine Stelle wo du zwischen den Schrebergärten hindurchläufst und die Stadt erst gar nicht siehst, weil sie hinter der Hügelkuppe liegt. Wenn du dann ein paar Schritte weitergehst und die Stadt vor dir ausläuft wie ein Meer aus Beton, wie eine Geliebte fernab jeder Schönheitsnorm … wumm, wumm, wumm.

Restaurants

Die besten kulinarischen Momente dieses Jahres hatte ich definitiv in Zürich. Drei hochempfehlenswerte Restaurants:

  • Gül – türkische Küche zum Niederknien.
  • Ikoo – japanische Ramen awww.
  • Zawan – das beste Curry 2020. eventuell ever.

Die Nähe zum Osten

Das Berner Oberland ist toll, das Wallis fantastisch und auch die Innerschweiz hat viel zu bieten. Aber weder von Luzern noch von Bern ist man so schnell im Osten der Schweiz, wie von Zürich #smart. Und der Osten kann eben auch verdammt schön sein. Zum Beispiel hier: 

  • Wanderung auf den Säntis (z. B. von Wildhaus oder Schwägalp)
  • Wanderung von Weesen nach Quinten entlang dem Walensee
  • Wanderung vom Caumasee zum Crestasee
  • Wanderung von Maloja nach Silvaplana 

Abschliessend will ich es doch noch erwähnen, weil wichtig: Ohne die vielen tollen Leute, dich ich in Zürich kennen- und lieben gelernt habe, wäre alles nichts.

Bildcredits: Unsplash

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