Der Traum vom eigenen Buch – Teil eins

Als Lektorin, die bei einem Literaturverlag gearbeitet hat, weiss unsere Autorin, wie viele Menschen hoffnungsvoll ihr Manuskript bei einem Verlag einreichen und davon träumen, den nächsten grossen Bestseller geschrieben zu haben. In dieser dreiteiligen Serie wirft sie einen Blick hinter die Kulissen.

Von Angelika Imhof

Die frisch pensionierte Human Ressource Managerin träumt davon. Ebenso die 25-jährige Kunstgeschichtsstudentin und der Primarschullehrer aus dem Vorort: Sie alle wollen ein Buch schreiben – und veröffentlichen. Denn eine Autorin kann noch so grossartig sein – ohne Verlag glaubt es ihr keiner. 

Während in der Musikbranche immer mehr Künstler*innen ihr eigenes Label gründen und sich von den grossen Major Labels abwenden, gilt in der deutschen Buchbranche trotz wachsender Selfpublishing-Szene immer noch die alte Regel: Erst wer einen Verlagsvertrag unterschrieben hat, hat es geschafft. 

Trotzdem erst mal mit Selfpublishing beginnen?

Selfpublishing mag in einzelnen Fällen erfolgreich sein. Laut der Branchenumfrage, die jedes Jahr auf selfpublisherbibel.de publiziert wird, verdienen immerhin sieben Prozent der Selbstpublisher mit ihren Büchern mehr als 2000 Euro pro Monat.

Demgegenüber stehen 50 Prozent der Befragten, die maximal 50 Euro pro Monat verdienen. So oder so würden wohl die allermeisten Selfpublisher nicht Nein zu einem Angebot eines Verlages sagen. Denn der Verlag ist immer noch die einzige Möglichkeit, in den stationären Buchhandel zu gelangen und garantiert dadurch, sowie durch seine Marketingmassnahmen, eine Sichtbarkeit, die als Selfpublisher kaum zu erreichen ist. 

Denken wir an die Selfpublishing-Erfolgsgeschichte schlechthin: EL James Fifty Shades of Grey. Die Autorin veröffentlichte ihren Text zunächst als Ebook und Print-on-Demand-Softcover auf The Writers’ Coffee Shop – und fand dort viele begeisterte Leser*innen. Doch zum weltweiten Bestseller, der sich über 150 Millionen Mal verkaufte und in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurde, hat es das Buch erst mit einem Verlag geschafft. 

Verlagsvertrag als Gütesiegel

Ein Verlag erhöht nicht nur die Chancen auf kommerziellen Erfolg, sondern verschafft den Autor*innen vor allem etwas, das als Selfpublisher kaum zu erlangen ist: Glaubwürdigkeit. Ohne diese Glaubwürdigkeit bleibt einem als Autor*in die Chance, je ins Feuilleton zu gelangen, genauso verwehrt, wie die Chance je den deutschen Buchpreis zu gewinnen. 

Diese Glaubwürdigkeit ist deshalb so viel wert, weil „Autor*in“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist. Theoretisch können sich alle, bei denen zu Hause ein unveröffentlichter Roman in den eigenen Dateien liegt, Autor*in nennen, denn per Definition ist jede*r „Verfasser*in eines Textes“ ein*e Autor*in. Theoretisch kann also in jeder und jedem ein verborgenes Talent schlummern und eine fulminante Karriere nur darauf warten, endlich gestartet zu werden. Sei das die, der Kunstgeschichtsstudentin, die ihre Energie in einen multiperspektivischen Familienroman mit philosophischen Unterbau steckt oder jene, des Primarschullehrers aus dem Vorort, der allabendlich an seinem Grosstadtkrimi schreibt und dabei vom wilden Bohème-Leben eines freischaffenden Autors träumt.

Von talentlos erfolgreich bis zu taleniert, aber verkannt

Ein Verlag kann einen jahrelang vor sich hinschreibenden Menschen auf einen Schlag zu einer „richtigen“ Autorin machen. Und genau diese Aussicht macht das Schreiben so verheissungsvoll. Diese Transformation, für die es nicht viel mehr als eine Unterschrift braucht, hat etwas faszinierendes, geradezu surreales. Wo sonst ist eine solche Beförderung denkbar ausser in der Kunst?

Den meisten anderen Berufen geht eine Ausbildung voraus, in der bestimmte Fähigkeiten erlernt werden. Aber Talent lässt sich nicht lernen. Man hat es oder man hat es nicht. Vielleicht kann man seine Schreibkompetenz verfeinern, schleifen, perfektionieren – etwa an einem Literaturinstitut oder in einem Creative Writing Kurs –, aber das Talent muss bereits angelegt sein. Sonst kann man noch so viel über Plotentwicklung, Figurenzeichnung und Dramaturgie lernen – über mittelmässig wird man nie herauskommen.

Immerhin reicht „mittelmässig“ oft bereits, um kommerziell erfolgreich zu sein. Man denke noch einmal an den oben erwähnten Bestseller und dessen literarische Qualität. Tatsächlich sind die kommerziell erfolgreichsten Titel selten die qualitativ besten. Und so können sich alle erfolglosen Autor*innen wenigstens mit der Vorstellung trösten, ein verkanntes Genie zu sein, das schlicht zu nischig und zu besonders ist, um vom Mainstream verstanden zu werden.

Im nächsten Beitrag von „Der Traum vom eigenen Buch“ geht es darum, was mit den unverlangt eingereichten Manuskripten passiert, wenn sie im Verlag angekommen sind, in welcher Konkurrenz sie stehen und wie man sein Unverlangtes am besten aufbereitet, damit es ernsthaft geprüft wird.

Bild von Patrick ForeUnsplash

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