Der Traum vom eigenen Buch – Teil zwei

Als Lektorin, die bei einem Literaturverlag gearbeitet hat, weiss unsere Autorin, wie viele Menschen hoffnungsvoll ihr Manuskript bei einem Verlag einreichen und davon träumen, den nächsten grossen Bestseller geschrieben zu haben. In dieser dreiteiligen Serie wirft sie einen Blick hinter die Kulissen.

Von Angelika Imhof

Ein Buch zu schreiben ist eigentlich so einfach. Zumindest in der Vorstellung. Man muss sich nur hinsetzen und eine Geschichte in die Tasten tippen. Die Realität sieht meist etwas anders aus, und alle, die es über zehn Seiten hinausgeschafft haben, wissen: Ein Buch zu schreiben ist verdammt harte Arbeit. 

Dennoch gelingt es erstaunlich vielen Menschen, ein Manuskript fertigzuschreiben. Doch die eigentliche Challenge beginnt erst jetzt: Ein Verlag muss her, der das Manuskript veröffentlichen will. Die Angaben auf den Verlagswebsiten machen freundlich, aber bestimmt deutlich: Hier wartet keiner auf dich. Vielmehr musst du dich darauf einstellen zu warten. Wochen. Monate. Jahre. Auf keine Antwort. Denn „keine Antwort“ ist der Standard und bedeutet, dass das Manuskript als nicht gut genug befunden wurde. Diese Nicht-Antwort ist schwer auszuhalten, hat man doch viel Zeit, Energie, Leidenschaft und Hoffnung in das Buch-Baby gesteckt, und dann vom Verlag geghostet zu werden, ist hart.

Manuskripte erster und zweiter Priorität

Auf Seiten des Verlages sieht es so aus: Jeden Tag kommt eine Handvoll neue Manuskripte rein. Je nach dem wie es der Verlag wünscht, entweder altmodisch per Briefpost oder als angehängtes PDF in einer E-Mail. Im Verlag landen diese Manuskripte erstmal auf dem Stapel der „Unverlangten“. Einige Verlage erfassen die Unverlangten im System und schreiben jeder einzelnen Person zurück, die allermeisten tun dies nicht. 

Neben den unverlangt eingereichten Manuskripten bekommt der Verlag laufend Manuskripte von Literaturagenturen angeboten – sogenannte Prüftitel. Diese Prüftitel haben immer Priorität vor den Unverlangten, denn die Literaturagenturen versprechen eine gewisse Qualitätssicherung. Immerhin hat die Agentur den oder die Autor*in bereits geprüft und für gut befunden. Zumindest als gut genug, um sich als Literatur Chancen auf eine Kommission auszurechnen.

Viele Lektor*innen drucken sich zum Lesen die ersten dreissig Seiten eines Prüftitels aus. Oft können sie schon nach den ersten fünf Seiten sagen, ob ein Titel etwas taugt oder nicht oder in diplomatischeren Worten: Ob er ins Programm passt. Manchmal braucht es dreissig Seiten und die Aufforderung an weitere Teammitglieder, doch bitte mitzulesen, bis eine abschliessende Meinung gebildet wird. Das Lektorat versucht dabei fortwährend, den wachsenden Lesestoff aus Prüftiteln und Unverlangten abzuarbeiten, was eine Geschichte ohne Ende bleibt.

Eher keine gute Idee bei der Manuskripteinreichung

Insbesondere die Unverlangten stapeln sich schnell in ungeahnte Höhen. Was viele nicht wissen: Die unverlangt eingereichten Manuskripte landen selten bei einem festangestellten Mitglied des Lektorats. Niemals beim Verleger oder der Verlegerin (ausser bei Kleinverlagen). In den allermeisten Fällen gelangen die Unverlangten zu den Volontär*innen oder Assistent*innen. Das soll nicht heissen, dass die Beurteilung in diesem Fall schlechter ist. Vielmehr soll es heissen, dass man sich als Person, die das Manuskript einreicht, dessen bewusst sein sollte. Und etwa eine Anrede des folgenden Musters eher nicht so gut ankommt (authentisches Beispiel):

Sehr geehrter Verleger,

liebes Lektorat,

hallo Volontariat

Die Entscheidung, ob ein unverlangtes Manuskript genauer angeschaut wird, steht und fällt oft schon mit dem Begleitschreiben. Häufig ist dieses bereits so verschwurbelt geschrieben, dass sich ein weiterer Blick ins Manuskript kaum lohnt. Auch der Arbeitstitel des Manuskripts kann vielsagend sein. So ist es eher unwahrscheinlich, dass sich hinter einem Titel wie „Barbaras Innenarchitektur“, „Feng-Shui Impossible“, „Wege zum Glück“, „Nur Liebe und Essen darf man nicht vergessen“ oder „Hintern aus Leidenschaft“ (authentische Beispiele) der nächste grosse Bestseller verbirgt. Einige Zeitgenossen*innen bringen mit Vorliebe ihre erotischen Fantasien in den eingereichten Texten zum Ausdruck. Auch das ist selten literarisch.

Eher eine gute Idee bei der Manuskripteinreichung

Gern gesehen ist ein kurzes, prägnantes Anschreiben, am besten mit einem kurzen Pitch, um was für ein Buch es sich handelt und worum es geht. Der Pitch darf gerne bereits in Form eines Klappentextes daherkommen, sodass man direkt Lust bekommt, das Manuskript anzuschauen, ohne dass man sich erst durch drei Seiten Plotbeschreibung kämpfen muss.

In der Regel verlangen die Verlage neben einem Exposé eine Textprobe. Layouttechnisch empfiehlt sich die Schriftart „Courier“ und ein 1.5-facher Zeilenabstand. Es scheint vielleicht ein Detail zu sein, aber ein Manuskript, das in Arial, mit Schriftgrösse 8 pt. und einfachem Zeilenabstand geschrieben ist, liest man definitiv weniger gern.

Das wie zählt mehr als das was

Wenn man auf wenigen Seiten überzeugen muss, und eventuell nur ein paar Minuten Aufmerksamkeit geschenkt bekommt, ist es weniger wichtig, was erzählt wird, sondern wie es erzählt wird. Der Sound muss stimmen und die Sätze sitzen. Idealerweise wird die Leserin bereits mit einer einzigen Szene vom literarischen Talent der Autorin überzeugt. Denn darum geht es: zu zeigen, dass man schreiben kann. Sollte Interesse seitens des Verlags entstehen, und tatsächlich ein Vertrag zu Stande kommen, wird die Geschichte später ohnehin noch durch mehrere Lektoratsläufe wandern und sich verändern: Figuren werden gestrichen, Handlungsstränge verlagert, ganze Erzählperspektiven geändert. 

Während eines Jahres bei einem Publikumsverlag haben ich und meine Arbeitskollegin Hunderte von unverlangt eingesandten Manuskripten geprüft. Nicht eines war dabei, das uns überzeugt hat. Zwei hatten immerhin Potenzial. 

Ein kleiner Tipp zum Abschluss: Sucht euch erst eine Agentur, die dann einen Verlag für euch sucht. Ihr werdet eher ernst genommen, eher gesehen und erhaltet mit hoher Wahrscheinlichkeit einen besseren Deal.

Mehr zu Literaturagenturen dann im nächsten Beitrag.

Bild: Christin Hume/Unsplash

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