Mehr Zeit und Fokus. Wie? Interview mit Alan Frei

Wie lebt man mit nur gut 120 Gegenständen? Wir haben Alan Frei auf ein Gespräch getroffen. Der erfolgreiche Gründer von Amorana und LOOKSofLOVE hat uns von seinem Lebenswandel und seinem minimalistischen Lebensstil erzählt. Hier verrät er, wie das einfache Leben sein Glück vervielfacht hat.

Von Olivia Grubenmann

 

Was ist der grösste Gewinn deines Lebensstils?

Freiheit und Fokus.

Was hat deinen Lebenswandel ausgelöst?

Es war mehr eine Ansammlung von Gründen und weniger ein Eureka Moment. Angefangen hat es mit einem Freund von mir, der mit nur 15 Sachen um die Welt gereist ist. Dann habe ich ein Buch gelesen: Homeless Billionaire von Nicolas Bergün, einem Unternehmer der nur sehr wenig Besitz hat. Das hat mich fasziniert. Als ich dann meinen Eltern beim Ausräumen des Hauses geholfen habe, habe ich gesehen wie viel Zeug sich anstaut wie Bilder und Statuen. Mir wurde bewusst, dass mir all diese Sachen in den 21 Jahren wo ich dort gewohnt habe nie aufgefallen sind. Es hat mich nachdenklich gemacht, dass Menschen anfangen Sachen auszublenden.

Wie ist deine Wohnung im Moment eingerichtet?

Sehr spartanisch. Ich habe ein 90cm Bett, eine Kleiderstange, einen Bildschirm, einen Stuhl, einen Tisch, einen Cubus. In der Küche habe ich einen Teller, eine Gabel, ein Messer und bis gestern eine Schüssel. Die ist kaputtgegangen und ich habe jetzt beschlossen, dass ich sie nicht ersetze. Ich habe kein Glas, aber einen Krug aus dem ich trinke. Im Bad habe ich ein WC Bürsteli, ein Zahnbürsteli (komisch, dass ich das grad nacheinander erwähne) und einen Rasierer.

Welche Dinge zählst du dazu?

Alles was ich innerhalb von einem Monat brauchen kann, zähle ich nicht zu meinen Gegenständen. Zahnpasta zählt also nicht dazu, aber die Zahnbürste. Essen zählt nicht, das Geschirr schon.

Haben sich durch den Lebenswandel Routinen geändert?

Ja. Mein Morgen ist sehr durchstrukturiert. Ich habe ein App die heisst Stride. Da stehen alle Tasks drin, die ich am Tag erledigen muss. Das sind gerade 38.

Also ich stehe um 4:50 auf, stelle den Wecker aus, gehe duschen, mache mein Bett (ich bin ein Fan davon schon früh die ersten «Wins» einzuholen). Diese Schritte kann ich dann alle abhaken. Ich denke, dass solche Routinen einen sehr positiven Einfluss haben, weil man keine Gedanken an sie verschwenden muss.

Hast du mehr Zeit?

Definitiv! Ich brauche keine Zeit mehr zum Abwaschen und solche Sachen. Mein Leben ist extrem einfach geworden. Ich verliere fast nichts mehr, weil ich den Überblick über meine Sachen habe.

Ich bin extrem schnell und effizient geworden. Das ist auch der Grund warum ich so lebe. Der Grund ist nicht, weil ich Minimalist sein will, sondern weil ich ein möglich einfaches Leben haben will. Ich habe gesehen, dass in dieser Einfachheit ein grosses Glück liegt. All der Buzz zieht einfach an mir vorbei.

Hast du je das Verlangen etwas zu kaufen?

Ja, das passiert regelmässig. Ich bin nicht immun dem Marketing gegenüber. Im Gegenteil: Ich würde sagen, dass ich sogar eher auf der konsumfreudigen Seite bin. Ich habe aber ein paar Tricks entwickelt. Der eine ist: Wenn ich etwas will, borge ich es zuerst von Freunden aus. Dann kann ich schauen, ob ich es wirklich brauche. Der zweite Trick ist: Ich habe das Prinzip, one in, one out. Wenn etwas kommt muss etwas anderes gehen.

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Abb.: Alan Frei

Wenn ich auch radikal reduzieren will. Wie soll ich vorgehen?

Nicht radikal reduzieren. Sondern zuerst einmal die Dinge aus dem Blickfeld schaffen und beobachten was man vermisst.

  1. In der ersten Phase habe ich erst einmal klassisch ausgemistet: Die Skistöcke die nur noch einen Teller haben, kaputte Gegenstände, all der unnötige Krempel musste weg.
  2. In dieser Phase habe ich alles was ich nicht innerhalb von einem Jahr gebraucht habe in eine grosse Tasche gepackt und aus den Augen geschafft. Dann ist etwas sehr Erstaunliches passiert. Als ich fertig war, hatte ich nicht eine Tasche, sondern 16 110-Liter Säcke voll mit Sachen, die ich seit einem Jahr nicht gebraucht hatte – und meine Wohnung sah genau gleich aus wie zuvor. Es war so krass zu sehen, wie viel Müll ich angehäuft hatte. Ich habe dann das ganze Zeug verschenkt, verkauft oder weggeworfen.
  3. Jetzt bin ich in der 3. Phase, wo ich beobachte, wie viele Gegenstände mich am glücklichsten machen. Ich möchte nicht möglichst wenig Gegenstände haben, sondern so glücklich wie möglich sein. Die Zahl bei der das der Fall ist, hat sich jetzt bei mit bei 120 eingependelt. Damit kann ich alles machen was ich will, ohne zu asketisch zu sein.

 

Gibt es etwas, wovon du dich niemals trennen könntest?

Nein. Sogar von Erbstücken und teuren Uhren. Das ist alles weg. Es ist alles ersetzbar.

Vielen Leuten geben Gegenstände Sicherheit. Was gibt dir Sicherheit?

Diese Sachen nicht zu haben. Weil ich auf eine plastische Art und Weise sehe, wie wenig ich besitzen muss. Dadurch habe ich eine grosse Freiheit und diese gibt mir Sicherheit.

Ich weiss, ich muss diese Sachen nicht kaufen. Ich könnte irgendwo hingehen auf der Welt und würde glücklich sein, weil ich nicht von externen Sachen abhängig bin.

Ich merke sogar, dass die Sachen die ich besitze, auch einen Teil von mir besitzen. Das sieht man zum Beispiel daran, wenn man sich ärgert, wenn das Handy kaputtgeht. Die Dinge um uns herum haben in vielerlei Hinsicht einen Einfluss auf uns.

 

Welche Kommentare hörst du oft?

Am Anfang meinten meine Freunde, dass es nur wieder eine Phase ist, in der ich was Neues ausprobiere. Heute hat sich das verändert und sie sehen vermehrt die Vorteile von diesem Lebensstil und machen es teilweise auch.

Die meisten Leute merken erst, dass ich so wenige Dinge besitze, wenn es ihnen jemand sagt. Obwohl ich jeden Tag die gleichen Kleider trage, haben einige Mitarbeiter das nie bemerkt.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann wieder mehr zu besitzen?

Ich glaube nicht. Ich werde vielleicht 10 Sachen mehr oder weniger haben, aber nie mehr 100 Sachen mehr. Ich versuche auch nicht zu fest in der Zukunft zu denken. Wenn ich einmal Kinder habe, oder aus einem anderen Grund mehr Sachen brauche, dann brauche ich halt mehr Sachen.

Welcher Gegendstand ist als letztes hinzugekommen?

Ein Handyhalter zum Stabilisieren beim Filmen. Ich brauche ihn aber nicht so oft und verkaufe ihn wahrscheinlich wieder.

Wenn du spezielle Sachen brauchst, lehnst du die einfach aus?

Ja, Kostüme zum Beispiel.

Schenkst du Leuten Dinge zu Weihnachten?

Ja.

Und sie dir?

Nein. Eigentlich immer Events, Reisen, ein Essen, oder Zeit miteinander. Die Ausnahme sind meine Göttikinder. Die schenken mir zum Beispiel einen Kalender mit Pasta drauf etc. Dann mach ich ein Foto davon und werf es weg.

Mir ist es sehr wichtig, nicht zu missionieren. Ich mache das nicht aus ökologischen oder ökonomischen Gründen, sondern nur, weil mein Leben so einfacher ist.

Was machst du, wenn du Gäste hast?

Wenn Leute zu mir kommen, nehmen sie ihr eigenes Geschirr mit. Es ist noch lustig zu sehen, was die Leute für Geschirr haben. Bei einer Party organisiere ein Catering oder wir gehen im Restaurant essen.

Hast du eine App, die du empfehlen kannst?

Big Day. Diese App zeigt einem an, wie viele Tage bis zu einem festgelegten Ereignis noch bleiben. Mein Grossvater und mein Vater sind beide 59 geworden und die Chance ist gross, dass ich auch dann sterbe. Ich habe nun ausgerechnet, wie viele Tage ich bis dahin noch habe. Das ist recht drastisch und nach dieser Rechnung habe ich noch 8875 Tage. Aber die Zahl jeden Tag zu sehen, erinnert mich daran, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Am Wochenende schaue ich manchmal nicht so genau auf die Zahl, aber wenn ich dann am Montag wieder darauf schaue, denke ich echt: What the f***, wieder 4 Tage einfach weg! Vor allem die grossen Sprünge sind krass. Ich habe angefangen bei über 10’000 Tagen und jetzt bin ich bei unter 9000. Die Zeit läuft einem einfach davon.

Ist das nicht bedrückend?

Nein, eher motivierend. Ich denke mir: Mach das Meiste aus deinem Leben und setz dich nicht mit Negativem auseinander.

 

 

 

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